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„Physical Narrative“ als Darstellungs- form

In diesem Kapitel wird kurz das Projekt “Turnton Docklands” des Ars Electronica Festival 2017 vorgestellt, mit dem eigenen Masterprojekt in Verbindung gebracht und im Weiteren Schlussfolgerungen davon abgeleitet.

Das Linzer Künstlerinnenkollektiv Time’s Up gestaltet begehbare Szenarien oder auch physical narratives, welche den Betrachter einladen eine Welt aus gesellschaftlichen Idealismus, Umweltdystopie und negativ behafteten Zukunftsszenarien zu betreten und auf sich wirken zu lassen. Turnton Docklands stellt einer jener gestalteten Szenarien von Time’s up dar und wurde auf dem Ars Electronica Festival 2017 erstmals vorgestellt. Jene Zukunft im Jahr 2047 zeigt dabei die verheerenden Auswirkungen der Umweltzerstörung der vergangenen Jahrzente. Mitten in jener katastrophalen Dystopie entsteht eine kleine Gesellschaft, welche wieder zu Solidarität und zu einem gemeinsamen Miteinander findet. Dabei versuchen die Künstler eine protowissenschaftliche Ausstellung zu gestalten, in welcher das Publikum eine zukünftige Welt betritt und die Möglichkeit bekommt, das inszenierte Narrativ zu entdecken. Jene Ausstellungsform entfernt sich bewusst von der klaren Objektpräsentation und versucht den Rezipienten zur Erforschung der Geschichte zu animieren. Dabei ist nicht immer eine klare Erzählstruktur vorgegeben, sondern lädt eher dazu ein, eine eigenen Interpretation dazu zu entwickeln. (vgl. Graf, 2017, Online-Quelle)

Jene betretbaren Szenarien könnten auch in meiner Masterthesis in der Umsetzungsphase als mögliche Lösungen der Darstellung fungieren. Die Möglichkeit den Rezipienten, über das Mittel der physical narratives, das entwickelte Szenario erlebbar zu machen und je nach verbrachter Zeit immer mehr Details der Geschichte zu entdecken, könnte jene Welt für einen größeren Kreis erfahrbar machen und das Bewusstsein für jenes Szenario intensivieren. Dabei sollte aber auch auf den benötigten Interpretationsfreiraum der Geschichte geachtet werden. Denn das Wesentliche jener Darstellung ist die Diskussionen und Reflexionen zwischen den Menschen vor, während und nach der Ausstellung. Es gilt nicht ein klar vorgegebenes Narrativ zu entdecken, sondern eigene Hypothesen und Interpretationen aufzustellen, um so die Kreativität und Diversität zu fördern, was eines der Ziele meiner Masterthesis darstellt. Des Weiteren lasst sich physical narratives mit der Denkweise des Design Fiction sehr gut in Verbindung setzen, da einige gemeinsame Faktoren zu finden sind.

Einer dieser Faktoren beschreibt die Verwendung von What-if?-Szenarien, welche ebenfalls im Bereich des Science Fiction zum Einsatz kommt, um neue Ideen erschließen zu können (vgl. Dunne / Raby, 2013, Position 694). Jene What-if?-Fragestellungen basieren auf realen Ereignissen bzw. Gegebenheiten und dienen dem Autor oder Gestalter zur Erschaffung von Utopie-(positiven Zukunfsszenarien) als auch Dystopie-Szenarien (negative Zukunftsvorstellungen) (vgl. Magyar, 1993, S. 110). Als Beispiel hierfür kann das Werk logical fantasy des Autors John Wyndham genannt werden. Dabei betrachtete dieser auf What-if-Szenarien basierenden Inversionen von unterschiedlichen Arten von Aliens. Der erforschende Schlüsselfaktor dabei ist die Untersuchung einer Gesellschaft unter extremen Umständen hinsichtlich der Ereignisse, welche unter Einbeziehung von Individuen, der Regierung sowie den Medien, eintreten können. Dabei erfolgt eine Analyse des Gedanken-experiments und beantwortet Fragen, wie beispielsweise, warum und wie Dinge unter jenen Umständen zusammenbrechen. (vgl. Dunne / Raby,             2013, Position 697)

Ein weiterer gemeinsamer Schlüsselfaktor ist die Verwendung von diegetischen Prototypen. Dabei wurde jenes Konzept sowohl von Sterling als auch von Bleeker aufgegriffen und als unumgängliches Element des Design Fiction eingeführt. (vgl. Schäfer, 2014, S. 47) Der Terminus „diegetisch“ oder auch „Diegese“ stammt von dem griechischen Begriff „diegetikos“ ab und bedeutet soviel wie „erzählend“ bzw. „weitläufige Erzählung“ (vgl. Duden, 2017, Online-Quelle). Der diegetische Prototyp ist dabei ein Teil der fiktiven Welt im Hintergrund, also der Diegese, welche die Hauptgeschichte vorantreibt.

Jener Prototyp wird im Gegensatz zu Requisiten als praktisch funktionierender Faktor in einem soziokulturellen Kontext miteingebunden und schafft mittels einer Geschichte sowie Diegese Raum für die Spekulation von materialisierten Ideenmuster. Als Beispiel für einen diegetischen Prototyp kann hierbei das Interface mit funktionstüchtiger Gestensteuerung aus dem Film Minority Report erwähnt werden. Jener Hollywood Blockbuster besitzt dabei nicht nur einen hohen Unterhaltungswert, sondern schafft es über das Mittel der fiktionalen Visualisierung jene zukünftige Technologie einer breiten Masse plausibel erscheinen zu lassen und eröffnet zugleich einen Raum für Diskurse, wie dies bereits am Anfang zum Konzept der physical narratives beschrieben wurde. Jene Schaffung von Diskussionsgrundlagen stellt dabei ein weiteres Schlüsselelement von Design Fiction dar (vgl. Levine, 2016, Online-Quelle)

Somit könnte die Darstellungsweise der physical narratives sowie die Denkweise des Design Fiction ein ideales Konzept darstellen, um die entwickelten Szenarien meiner Masterthesis zu präsentieren und die gewünschte Förderung von Diskussionen, Kreativität und Interpretationsfreiraum initiieren.

Literaturverzeichnis

Duden (2017): „Diegese“, Online im WWW unter URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Diegese [01.05.2018]

Dunne, A. / Raby, F. (2013): „Speculative Everything. Design, Fiction and Social Dreaming.“, The MIT Press, Cambridge,

Massachusetts, London, England

Graf, V. (2017): Turnton Docklands: Zwischen Zukunftsvision und begehbarer Umweltdystopie, Online im WWW unter URL: https://www.aec.at/aeblog/de/2017/07/17/turnton-docklands/ [01.05.2018]

Levine, D. (2016): „Design Fiction.“, In: Medium, Magazin, 13.03.2016, Online im WWW unter URL: https://medium.com/digital-experience-design/design-fiction-32094e035cd7 [01.05.2018]

Magyar, M. (1993): „Science Fiction for Technical Communicators.“, In: IEEE, Professional Communication Conference, „The New Face of Technical Communication: People, Processes, Products.“, IPCC 93 Proceedings, S. 107-111, Philadelphia

Schäfer, R. (2014): „Design Fiction.“, In: Haan, G., Institut Futur, Schriftenreihe  01.14, Sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung, Berlin